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Publiziert am 23.03.2007 von
Johann Stöger
Das Pinguin-Prinzip
Wie Veränderung zum Erfolg führt
John Kotter und Holger Rathgeber
Es war einmal eine Pinguinkolonie auf einem großen Eisberg…
Einer von ihnen war Fred.
Fred war ungewöhnlich neugierig und aufmerksam. Und er verbrachte viel Zeit damit, das Meer zu beobachten. Und was er beobachtete, beunruhigte ihn im Laufe der Zeit immer mehr. Seine gesammelten Informationen wurden immer beängstigender:
Der Eisberg schmilzt, und könnte bald auseinander brechen!!
Fred wusste, dass er etwas unternehmen musste, doch er war nur ein „normaler“, junger Pinguin; es stand ihm nicht zu, Erklärungen abzugeben oder gar Handlungsanweisungen zu erteilen. Und er erinnerte sich daran, wie es Harold ergangen war, als dieser warnte… Fred fühlte sich auf ein mal ziemlich einsam.
Was mache ich jetzt?
Fred vertraute sich Alice an, ein Mitglied des herrschenden Zehner-Rats, von der er dachte, dass sie am zugänglichsten und offensten von diesen „Oberen“ sei. Er schilderte ihr seine Beobachtungen und zeigte ihr seine Wahrnehmungen unter dem Eisberg vor Ort. Und sie verstand: „ich muß nachdenken; und du musst mir helfen, anderen das ganze Ausmaß dieses Problems zu vermitteln. Doch mach' dich darauf gefasst, dass einige Vögel das Problem gar nicht sehen wollen!“
Alice trug die Beobachtungen ihren Ratsmitgliedern vor. Die hörten zwar zu, allerdings höchst skeptisch. Und keiner wollte mit ihr in die dunkle Höhle schwimmen, um sich vor Ort von dem Problem zu überzeugen.
Der Chefpunguin jedoch willigte ein, dass Fred zur nächsten Sitzung eingeladen werden soll. Und Fred hielt eine hervorragende Präsentation anhand eines Modells ihres Eisberges, auf dem sie alle saßen!
Jedoch der Spezialist für Wettervorhersagen hielt mit zorngerötetem Gesicht lautstark dagegen: Der Eisberg schmilzt nicht!
Und warf Fred und Alice graue Theorie, wilde Spekulationen und Panikmache vor.
Doch dann waren doch die meisten Ratsglieder bereit, einen Ausschuß zu bilden, der die Situation analysieren und mögliche Lösungen vorschlagen sollte. Doch Alice schlug die Einberufung einer Vollversammlung vor, um so viele wie möglich davon zu überzeugen, dass sie vor großen Problemen stehen. Dankbar griffen alle Fred's Vorschlag auf, vorher ein Experiment zu machen: es wurde eine leere Flasche mit Wasser gefüllt und verschlossen – und am nächsten Tag war sie tatsächlich zerborsten. So wurde also die Vollversammlung einberufen. Dort gelang es ihnen, bei den meisten Pinguinen die Selbstzufriedenheit zu erschüttern und ein Gefühl der Dringlichkeit zu wecken.
Der Chefpinguin erklärte nun: "Die Kolonie braucht ein Team, das sie durch die schwierige Phase führt. Denn ich kann das nicht alleine meistern“ und stellte die Teammitglieder vor, allesamt in der Kolonie angesehene und wohl gelittene Pinguine. Er erteilte dem „Professor“ die erste Aufgabe: „Sie dir das Team an. Umreiße die Aufgabe klar. Überlege dir, über welche Stärken jeder von uns verfügt. Und berichte uns dann, weshalb wir sechs in der Lage sind, dieses Problem zu lösen!“
Und sogleich fand das erste Meeting statt. Und sogleich schwang der Professor das große Wort – und brachte alle anderen zum erstaunten Schweigen. Bis der Chefpinguin sie alle bat, für eine Minute die Augen zu schließen – und dann mit geschlossenen Augen nach Osten zu zeigen. Und als sie dann alle wieder ihre Augen öffneten, sahen sie, dass alle in verschiedene Richtungen deuteten. Auch dem Professor war jetzt klar: nicht die einzelnen Individuen sind jetzt gefragt, sondern das Team als Ganzes! Als er jedoch wieder zum Dozieren anhob, unterbrach der Chefpinguin mit der Frage: „möchte jemand Tintenfisch?“ Man muß jetzt wissen: a) v.a. die kleinen Tintenfische sind die Leibspeise der Pinguine, und b) stehen sich Pinguin und Tintenfisch einzeln gegenüber, gewinnt letzterer den Kampf ganz mühelos. Daher jagen sie, schon seit einiger Zeit, Tintenfische in der Gruppe.
Und schon sprangen sie ins Meer – und kehrten nach erfolgreicher Jagd mit vollen Bäuchen zurück. Anschließend leitete der Chef eine Diskussion, in der es um alles ging – nur nicht um den schmelzenden Eisberg! Die Gruppe unterhielt sich stundenlang.
Nachdem der Chef dafür sorgte, dass die Gruppe auch am nächsten Tag bei einander blieb, gelang es ihm, ein Team zusammen zuschweißen, das in der Lage war, die Kolonie durch die nötige Veränderung zu führen!
Die Seemöve
Und nun kam es zu vielen Vorschlägen – die jedoch allesamt nach kurzer (oder längerer) Diskussion verworfen wurden. Die Suche nach einer Lösung wurde offensichtlich immer verzweifelter.
Bis sich der „Verfahrens"-Vorschlag durchsetzte: "Laßt uns ausschwärmen und Augen und Sinne offen halten, beobachten und einfach neugierig sein – wie Fred!“. Und so geschah es auch.
Fred hatte eine Seemöwe entdeckt; alle starrten verdutzt in die Höhe, da hier normalerweise keine Seemöwen anzutreffen sind. „Er scheint sich gar nicht zu fürchten… als ob er von einem Stück Land zum nächsten fliegt“.
Nach stundenlangen Diskussionen mahnt wieder der Chef sorgfältigeres Nachdenken an, während Alice eher auf vorankommen drängt. Bis man sich einigte, mehr über diesen fliegenden Vogel in Erfahrung bringen zu wollen, und zwar gleich!
Bald hatten sie die Seemöwe aufgespürt, und der Professor fing an, Fragen zu stellen – nützliche Fragen. Und der Vogel erzählte den Pinguinen vom Nomadenleben seines Schwarmes, der immer auf der Suche nach Orten war, an denen er sich als nächstes niederlassen konnte.
Alice fand den Grundgedanken interessant: „Wir bleiben nicht ständig an einem Ort. Wir lernen einfach umherzuziehen.“ Das Team hatte damit eine Vision entwickelt: „Eine Nomadenkolonie … Frei, ohne festes Zuhause. Wir können von den Seemöwen lernen.“
Die neue Marschrichtung wird ausgegeben
In der nächsten Vollversammlung schwor der Chef die Schar auf ihre wichtigsten Werte ein (Disziplin, Brüderlichkeit…), und ließ sich jeden einzelnen Wert von der Versammlung mit einem klaren „Ja“ bestätigen, bis er ausrief: „und sagt mir, sind diese gemeinsamen Werte, die uns zu dem machen, was wir sind, an ein großes Stück Eis geknüpft?“ Den jetzt erstaunten Pinguinen erzählte nun Buddy die Geschichte mit der Seemöwe…"stellt euch vor, sie sind frei! Sie ziehen hin, wo immer sie wollen!“
Der Chef ließ das anschließend einsetzende Schnattern eine Zeit lang währen, ehe er zu einer Motivationsrede anhub: „Dieser Eisberg bestimmt nicht, wer wir sind. Es ist lediglich der Ort, an dem wir derzeit leben. Wir sind klüger, stärker und fähiger als die Seemöwen… Wir werden uns behaupten!“
Mit den unterschiedlichsten Gefühlen gingen anschließend die Pinguine aus der Versammlung weg.
Und gleich ergriff Alice wieder die Initiative: „Wir müssen die Vögel an das erinnern, was sie eben gehört haben, und zwar ständig. Denn die heutige Versammlung war kurz. Einige Angehörige der Kolonie waren gar nicht anwesend. Die Lösung ist radikal“ und schlug vor, Slogans zu entwickeln und auf Eisplatten auszuhängen.
Die spannungsgeladene Versammlung und die zahlreichen Eisposter erzielten bald die gewünschte Wirkung. Das Bild einer gänzlich anderen Zukunft, eines Nomadendaseins, kam größtenteils an – die Vermittlung der neuen Vision war gelungen!
Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten
Anfangs überwogen die guten Nachrichten. Schon bald aber fielen die schlechten immer mehr ins Gewicht und fanden Resonanz. Dadurch fühlten sich die Feinde des Projektes wiederum bestärkt …
Immer mehr Mitglieder blieben der Planungsgruppe fern. Und viele der engagierteren Vögel wurden durch die auftretenden Hindernisse immer entmutigter.
Doch die Maßnahmen, die schnell die Gruppe dagegen ergriff, in der Regel viele Einzelgespräche mit viel Zuhören, zeigten schon bald konkrete Wirkung. Zumal immer dort, wo NoNo auftrat, stets der Professor an seiner Seite war und redete und redete und redete.
Nun stieg auch die Zahl der aktiv beteiligten Pinguine wieder an. Und mehr und mehr gelang es, jedem das Gefühl zu geben, etwas bewirken zu können – vor allem bei den Kindern und Jugendlichen.
Die Kundschafter
Fred's Aufgabe war es als nächstes, eine kleine Elitegruppe von sportlichen und hoch motivierten Kundschaftern auszuwählen, denn „die Kolonie muss so schnell wie möglich Fortschritte sehen“.
Eine Woche später brachen die mutigen Kundschafter auf. Und das führte unmittelbar zur nächsten Herausforderung: die hungrigen Kundschafter mussten nach ihrer Rückkehr versorgt werden – und Pinguine können ohne weiteres 20 Pfund auf einen Schlag verzehren! Jedoch: in der Kolonie herrschte bisher eine uralte Tradition: jeder sorgt ausschließlich für sich selbst, höchstens noch für seine Kinder. Und jetzt plötzlich für andere, noch dazu Erwachsene? Wer also sollte Fische für die Kundschafter fangen? Die Lösung: ein Fest, mit Tombola, Musik etc. – und Eintrittsgeld: 2 Fische!
Gleichzeitig warteten alle gespannt auf die Rückkehr der Kundschafter – aller kamen, allen Unkenrufen NoNos zum Trotz, zurück; auch wenn sie sehr mitgenommen und erschöpft aussahen. Als sie sich alle satt gefressen hatten, wurden ihnen Eismedaillen mit der schlichten Inschrift „Held“ um den Hals gehängt. Und die Menge jubelte, die Kundschafter strahlten, und erzählten stolz, was sie gesehen und erlebt hatten. Alle waren begeistert wie schon lange nicht mehr! Ein erster, kurzfristiger Erfolg war erzielt – und NoNo war von der Bildfläche verschwunden.
Die zweite Staffel
Am nächsten Morgen wurden die Berichte der Kundschafter gründlich analysiert und hinterfragt. Und schnell meldeten sich weitere Vögel frei willig für die zweite Kundschafterstaffel – nun für den Auftrag, einen konkreten Eisberg auszuwählen. Aber jetzt war es fast schon Routine: die Kundschafter kamen mit konkreten Informationen zurück, und die Versorgung für sie ist fast schon zu einer normalen Alltagsbeschäftigung geworden, bei der viele Vögel mithalfen.
Dann war es soweit: der Umzug, kurz vor dem Einbruch des antarktischen Winters, stand unmittelbar bevor. Er gestaltete sich bisweilen chaotisch, doch insgesamt verlief das Ganze so reibungslos, wie man gehofft hatte.
Im Laufe des Winters musste die Kolonie mit etlichen Problemen kämpfen; aber sie konnten alle bewältigt werden. Im folgenden Frühjahr fanden die Vögel einen noch besseren Eisberg vor, der größer war und noch reichhaltigere Fischgründe bot. Und dennoch zog die Kolonie im nächsten Frühjahr wieder weiter… Das war ein wichtiger Schritt – nicht wieder bequem zu werden und nicht nachzulassen.
Die bemerkenswerteste Veränderung
Mittlerweile wanderte die Kolonie umher wie ein Nomadenstamm. Die meisten Vögel hatten sich damit abgefunden. Einige waren begeistert, andere hingegen würden sich nie daran gewöhnen können.
Der Chefpinguin setzte sich inzwischen zur Ruhe, und wurde zum wichtigsten Lehrer der Kolonie. Er schilderte, wie Fred dahintergekommen war, dass der Eisberg schmolz, wie es gelungen war,
- ein Bewusstsein in der Kolonie dafür zu entwickeln, dass ein schwieriges Problem zu lösen sei,
- ein sorgfältig ausgewähltes Team mit der Koordination der Neuerung zu betrauen,
- eine vernünftige Vision und Strategie für eine bessere Zukunft zu entwickeln,
- diese Vision zu vermitteln, so dass andere sie verstanden und akzeptieren konnten,
- so viele Hindernisse wie möglich aus dem Weg zu räumen,
- so rasch wie möglich für Erfolgserlebnisse zu sorgen,
- nicht nachzulassen, bis sich die neue Lebensweise fest etabliert hatte und schließlich
- dafür zu sorgen, dass die Veränderungen nicht durch hartnäckige, zählebige Traditionen wieder unterhöhlt wurden.
Ende der Fabel - Veränderungen erfolgreich bewältigen
- Wecken Sie ein Gefühl der Dringlichkeit
- Stellen Sie ein Leistungsteam zusammen
- Entwickeln Sie eine Zielvorstellung und eine Strategie für die Veränderung
- Werben Sie um Verständnis und Akzeptanz
- Sichern Sie anderen Handlungsfreiräume
- Sorgen Sie für kurzfristige Erfolge
- Lassen Sie nicht nach
- Entwickeln Sie eine neue Kultur
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