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Publiziert am 22.08.2007 von
Markus Schwarzgruber
Systemische Moderation
Was systemische Moderation leisten kann
Seit der Entwicklung der Metaplan-Technik durch Eberhard und Wolfgang Schnelle in den 70er Jahren ist Moderation der Versuch, über Methoden und Techniken Realität für Gruppen handhabbar und veränderbar zu machen. Doch die heutige Komplexität lässt diese Methoden immer häufiger an ihre Grenzen stoßen, so dass in moderierten Workshops improvisiert und ausgelagert werden muss, was nicht handhabbar ist. Um zu verstehen, wieso professionelle Businessmoderatoren dringend eine Erweiterung ihres Moderatorenkoffers um systemische Komponenten benötigen, hilft es, einen Blick auf die Annahmen klassischer Moderation zu werfen, um anschließend den Weg zur systemischen Moderation zu eröffnen.
Wenn wir davon ausgehen, dass der Auftrag an die Moderation grundsätzlich die Lösung eines Problems mit unterschiedlichem Fokus ist (z.B. Konfliktlösung, Entscheidungsfindung, Situationsklärung, Zieldefinition, ?), so bieten bisherige Moderationsmethoden in der Regel zwei Perspektiven bei der Untersuchung des Problemfeldes:
a. Betrachtung des Problemfeldes als rationales System
b. Betrachtung des Problemfeldes als natürliches System
Die Perspektive des rationalen Systems deckt dabei die technokratischen Faktoren ab, wie Zahlen, Daten, Fakten. Moderation stellt hier klassische Methoden zur Erhebung und Problemlösung zur Verfügung (z.B. Problemlösungszyklus). Mit der Perspektive des Problemfeldes als natürliches System kommen die Aspekte von menschlichen Beziehungen, Rollen und Hierarchien, also die Aspekte des sozio-institutionellen Systems hinzu. Durch die Beteiligung der Betroffenen am Problemlösungsprozess erreicht die Moderationsmethode hier hohe Akzeptanz und auch Lösbarkeit der Probleme. Die Vielzahl der Methoden zur Entscheidungsfindung, Konfliktklärung, Visualisierung und Verhandlung machen Moderation zu einer mächtigen und wirksamen Methode bei der Gestaltung des Problemfeldes als natürliches System.
Vielleicht ist es der hohe Wirkgrad, der professionelle Moderatoren verleitet, hier aufzuhören, über die Grenzen der Moderationsmethode hinaus zu blicken.
Sie übersehen eine Annahme, die so nur sehr selten stimmt: "Das Problemfeld ist unabhängig von der Problemumwelt, nicht nur bei der Betrachtung, sondern auch beim Handeln und den daraus resultierenden Konsequenzen". Durch diese Annahme wird es dem Moderator ermöglicht, Schritt für Schritt auf das Moderationsziel zu zu gehen. Und gleichzeitig wird durch diese Annahme das Erreichen des Ziels in Frage gestellt, da Abhängigkeiten in der Problemumwelt nicht berücksichtigt wurden.
Ein sehr einfaches Beispiel: Ein Moderator erarbeitet mit einem Team die Optimierung seines Teilprozesses einer Produktionsstrasse "auf der grünen Wiese", also isoliert betrachtet. Bei Reduzierung dieses Systems auf diesen Prozessabschnitt kann tatsächlich eine theoretische Geschwindigkeitssteigerung um mehr als 10% erarbeitet werden. Betrachten wir den gesamten Produktionsprozess, so erkennen wir acht Stationen weiter, dass Abhängigkeiten (wie z.B. eine festgelegte Trockendauer des Produktes) hier eine Beschleunigung des Prozesses nicht zulassen, obwohl sie in unserem zuvor betrachteten Prozessabschnitt keine Rolle zu spielen scheinen.
Was der Moderator angesichts der heutigen Komplexität mit einbeziehen sollte, um brauchbare und richtige Lösungen mit der Gruppe zu finden, ist die Perspektive des Problemfeldes als offenes System.
Alle Methoden der Moderation, so geschickt sie auch variiert und abgewandelt werden, gehen doch von dem Gedanken aus, die Realität konstruktivistisch-technomorph gestalten zu können, also durch Definition von Maßnahmen die Realität so funktionieren zu lassen, wie wir es wollen.
Eine systemisch-evolutionäre Konstruktion der Realität wird nicht berücksichtigt. Dabei ist die Abhängigkeit der Systeme untereinander gewachsen, und es wäre zwingend erforderlich, dieser Vernetzung Rechnung zu tragen. Denn jede Maßnahme und Handlung löst - zeitlich verzögert - unter Umständen an anderer Stelle eine unvorhergesehene Veränderung der Realität aus.
Um systemisch zu moderieren, braucht es (in Anlehnung an Probst/Gomez: Systemisches Denken und systemisches Managen) vier Fähigkeiten:
- Das Denken in vernetzten Strukturen (vernetztes Denken)
- Das Denken in systemischen Zeitgestalten (dynamisches Denken)
- Das Denken in bewusst wahrgenommenen Modellen (modellorientiertes Denken)
- Die Fähigkeit zur praktischen Steuerung von Systemen (systemorientiertes Handeln)
Vorbereitung und Durchführung von systemischen Moderationen erfahren damit eine radikale Flexibilisierung in Technik und Methode.
Da der Moderator nur Prozesssteuerer ist, bedarf es zusätzlich bei den Gruppenmitgliedern Fähigkeiten zum systemischen Denken und Handeln. Es nicht erforderlich, dass jedes einzelne Gruppenmitglied nun zum Systemspezialisten wird. Es genügt, wenn die Methoden des Moderators diese Fähigkeiten auf die einzelnen Gruppenmitglieder in dem Maße übertragen, wie sie zur Lösung des Problems erforderlich sind.
Möglich wird das, indem der Moderator mit System-Kompetenz kleine, handhabbare Pakete (Teilsysteme) schnürt, die die Komplexität eines offenen System soweit reduzieren, dass die Pakete einzeln in durch Teilnehmerzahl und Zeit begrenzten Workshops abgearbeitet werden können. Die Abhängigkeiten und dynamischen Interaktionen zwischen diesen Teilsystemen werden wiederholt ausgetauscht, berücksichtigt und in die Problemlösung eingearbeitet. Es geht letztendlich darum, durch ständige Rückkopplungsschleifen zwischen den Teilsystemen brauchbare und nicht brauchbare Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren und zu verabschieden. Probst und Gomez geben uns mit ihrem Vorgehen zur Lösung komplexer Problemstellungen einen Rahmen:
- Abgrenzung des Problems (Situation, Rahmen, Ziele, Nichtziele)
- Ermittlung der Vernetzung (Sammeln der Faktoren und ihrer Abhängigkeiten)
- Erfassung der Dynamik (Diskussion der zeitlichen Veränderung durch Entwicklung und Abhängigkeit)
- Interpretation der Verhaltensmöglichkeiten (Ableitung von vermuteten Reaktionen des Systems auf aktive Veränderungen)
- Bestimmung der Lenkungsmöglichkeiten (Identifizierung der Möglichkeiten zur verträglichen Veränderung des Systems in Richtung Ziel)
- Gestaltung der Lenkungseingriffe (Definition der Maßnahmen derart, dass sie auch unter widrigen Umständen umgesetzt werden können)
- Weiterentwicklung des Problems (ständige Beobachtung, Reflektion und Anpassung der Maßnahmen)
Dieser Rahmen, abgebildet in einem auf die Situation zugeschnittenen Ablauf und kombiniert mit Methoden zur Ableitung von Vernetzung, Dynamik und Modellen stellen den Werkzeugkasten der systemischen Moderation dar. Durch diesen Werkzeugkasten werden Veränderungen offener Systeme mit Gruppen möglich.
In der Praxis bedeutet das, dass nach jedem erreichten Schritt die daraus gewonnenen Erkenntnisse in bereits erarbeitete Ergebnisse aus den vorangegangenen Schritten erneut einfließen. So wird z.B. nach Erreichung von Schritt 3) wieder zu Schritt 1) zurückgekehrt, um mit den neuen Erkenntnissen zu überprüfen, ob die Abgrenzung des Problems immer noch korrekt ist. Diese ständigen Rückkopplungen werden solange vollzogen, bis keine Veränderungen mehr erfolgen müssen. In unserem sehr einfachen Beispiel des Produktionsprozesses wäre es spätestens bei Erreichen von Schritt 4) zu einem Zusammenbruch des bestehenden Zieles "Prozessbeschleunigung" gekommen, eine Rückkopplung in Schritt 1) würde das Problem neu definieren und damit der verträglichen Lösung einen Schritt näher kommen - bis zur nächsten unvorhergesehenen Abhängigkeit und Rückkopplung.
Die Lösung von Problemen in offenen Systemen ist intensiv und gewinnbringend, da diese neue und gleichzeitig verträgliche Möglichkeiten aufzeigen, die Ziele zu erreichen.
Systemische Moderation ist eine Herausforderung für Moderatoren, in offenen Systemen mit Gruppen das Richtige (Ziele und Strategien) richtig (Vorgehen) und mit Überzeugung umzusetzen.
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