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Publiziert am 16.09.2004 von Johann Stöger

Beziehungsbrett

Sich neue(n) Perspektiven stellen: Das Beziehungsbrett im Systemischen Coaching

Ideengeber für dieses Tool ist die Aufstellungsarbeit von Bert Hellinger. Wir orientieren uns dabei weniger an den Prämissen, Annahmen und Glaubenssätzen, auf denen seine Familienaufstellungen aufbauen, sondern mehr an der Technik des Stellens der Systembeteiligten in einem Raum.

Wie bekannt, werden in der Aufstellungsarbeit das Anliegen des Klienten sowie Beteiligte und Betroffene  vom Klienten mittels sogenannter Repräsentanten im Raum aufgestellt. Dazu werden dann, je nach Komplexität des Falles, meist mehrere Personen benötigt, die eine, zwei oder auch mehr Stunden für die Aufstellung zur Verfügung stehen müssen.

Im Fall des Vertriebsbeauftragten M., der uns vor einigen Wochen als Klient im Coaching begegnete, hätten sich bis zu sechs solcher Repräsentanten zur Verfügung stellen müssen, wollte man das "System der Problem-Lösung" original nach Hellinger aufstellen. Dies zu organisieren (und zu bezahlen), ist im Business-Kontext, so auch bei Herrn M., nicht realisierbar.

 

Wie Figuren auf einem Spielbrett ...

Hier schlägt nun die Stunde des Beziehungsbretts: Die "Mitspieler" bei einem bestimmten Problem werden mithilfe vorbereiteter Holzfiguren auf einem Feld "aufgestellt".

Konkret sieht das so aus:
Nach der üblichen Phase der Kontaktaufnahme mit anschließender Anliegen-, Ziel- und Auftragsklärung stellt der Coach dem Klienten, Herrn M., (als eine von mehreren Interventionsmöglichkeiten) ein kleines, flaches Holzkästchen vor, dem er einen zusammengeklappten Karton (ca 40 x 40 cm, weiß, mit etwa 5 cm breitem Rand) entnimmt und Herrn M. als sogenanntes Feld des Gesamtsystems zu seinem Anliegen ("Meine Vertriebserfolge haben in letzter Zeit unerklärlicherweise erheblich nachgelassen") präsentiert. Für das Beleben des Kraftfeldes stehen unserem Klienten nun eine Reihe unterschiedlicher, aber nicht zu unterschiedlicher Holzklötzchen zur Verfügung: unterschiedlich hinsichtlich Form, Farbe und Größe. Alle sind ausgestattet mit einem angedeuteten Gesicht - das gibt der Figur im Feld eine Blickrichtung.

Der Coach erklärt nun die Mitte des Kartons zum vermuteten Schwerpunkt des Wirkungsfeldes hinsichtlich des Anliegens des Klienten und bittet Herrn M., sich selbst auf dem weißen Grund zu platzieren: mittels einer selbst ausgewählten Holzfigur aus dem Holzkästchen. Zwei Spielregeln sind dabei ganz besonders wichtig:

  • Ausschließlich der Klient fasst die Figuren an, und
  • er soll bei all seinen Aktivitäten laut denken: Weshalb und wozu er was gerade tut, was ihm gerade so durch den Kopf geht, welche Impulse ihn gerade leiten etc.

Auf diese Weise entwickelt Herr M. auf dem Beziehungsbrett, angeregt durch die Fragen des Coaches, das System rund um sein Anliegen; und stellt den Kunden D., seinen Chef, den Einkäufer B., seinen Kollegen R., seine Familie etc.

 

Systemisches Fragen: Perspektivenwechsel ermöglichen

Dabei hinterfragt der Coach immer wieder die einzelnen Platzierungen der Figuren durch den Klienten sowie, im nächsten Durchgang, deren Verschiebungen im Raum, um zu verstören, zu "reframen" oder hilfreiche Perspektivenwechsel beim Klienten auszulösen.

Seine Fragen sind dabei konstruktivistisch - sie haben das Ziel, dass der Klient sich der Subjektivität seiner eigenen Wahrnehmung des Systems bewusst wird. Erreicht wird ein Perspektivenwechsel besonders durch sogenannte zirkuläre Fragen, bei denen die Sichtweisen anderer Personen im System ergründet werden. ("Wenn ich Ihren Chef nach Ihren Leistungen fragen würde - was würde er sagen?"). Besonders wichtig ist es dabei, den Fokus der Beratung vom Problem weg, auf eine mögliche Lösung hin auszurichten - z. B. mithilfe hypothetischer Fragen ("Stellen Sie sich vor, morgen sind Sie wieder erfolgreich. Worauf führen Sie das zurück?")

Gestellt und verändert werden können auf dem Beziehungsbrett Nähe und Distanz, Zuneigung und Abneigung, Art und Intensität des Kontaktes etc. - immer nur durch den Klienten, inspiriert durch die systemisch-konstruktivistischen Fragen des Coaches.

In seinem ersten Bild stellt Herr M. sich selbst seinem Chef und dem Kunden gegenüber. Kollege R. steht neben M. Der Coach beobachtet und fragt nach: M. und sein Kollege R. stehen nebeneinander, haben sich aber gegenseitig nicht im Blickfeld - beider Blick ist auf den Kunden und den Chef gegenüber gerichtet. Aus welchem Grund ist das so? Im weiteren Verlauf der Beratung wird M., unterstützt durch die Fragen des Coaches, die Antwort klar: Dem Chef gegenüber sieht sich M. in scharfem Konkurrenzdruck zu R., er empfindet R.s Verhalten als verdeckten Angriff. Und weiter: ein großer Teil von M.s Energie richtet sich auf diesen unterschwelligen Konflikt mit dem Kollegen R. und steht nicht mehr zur Verfügung für M.s eigentliche Aufgabe, die Betreuung seines Kunden. Was nun R.s Verhalten betrifft: Agiert der Kollege wirklich gegen M., oder könnte es auch andere Erklärungen für seine Handlungen geben?

 

Die Kraft des Lösungsbildes

In der Arbeit mit dem Beziehungsbrett geht die Entwicklung in der Regel über mehrere Bilder:

  • die Ist-/Problem-Situation
  • Veränderungsbild(er)
  • das Ziel-/Lösungsbild

Das Ziel des Coaches ist es dabei, dass der Klient am Ende ein motivierendes Lösungsbild "mitnehmen" kann, welches die positive Kraft der gewünschten Zukunft auf die Vergangenheit (die derzeitige Gegenwart) entwickelt.

Für M. stellt sich durch die Beratung heraus: Ein klärendes Gespräch mit dem Kollegen R. ist nötig. Wie wir nach dem Coaching erfahren haben, brachte dies letztlich den Erfolg. Für R.s vermeintliche Angriffe gab es zufriedenstellende Erklärungen, die Unstimmigkeiten zwischen beiden Kollegen konnten ausgeräumt werden, M. hat Kraft und Spielraum für seine eigentlichen Aufgaben zurückgewonnen.

 

Fazit

Eine Einschränkung in eigener Sache: Natürlich ist das Kraftfeld einer auf dem Beziehungsbrett entwickelten Systemstruktur in keinster Weise zu vergleichen mit der körperlich-emotionalen Präsenz der Repräsentanten bei einer "richtigen" Aufstellung.

Dennoch: Unserer Erfahrung nach bringt diese spielerische Projektion der als (derzeit) wichtigsten Systemteile einige erhebliche Vorteile:

  • Sie ist in kürzester Zeit auch Klienten vermittelbar, die in diesen Dingen keine Vorerfahrungen haben.
  • Der ausgelöste Spieltrieb (die Figuren drehen, sich bewegen, auch sich äußern zu lassen) setzt Kreativität frei und ermöglicht fast automatisch Perspektivenwechsel beim Klienten (das Ziel des systemischen Beraters!).
  • Sie ersetzt häufig längere Gesprächs- und Dialogphasen zwischen Coach und Klient - ein Bild sagt eben immer noch mehr als 1000 Worte.

     

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